Kleine deutsche LiteraturgeschichteNicholas Boyle hat die Entstehung der deutschen Literatur erforscht
Die Anfänge einer neuzeitlichen deutschen Literatur datiert Boyle im frühen 16. Jahrhundert, als das heute deutsche Territorium in Kleinstaaten zersplittert war.
„Das, was man deutsche Literatur nennt, besteht in Wirklichkeit aus drei eigenständigen Literaturen dreier eigenständiger Staaten, die sich voneinander ebenso sehr unterscheiden wie etwa die Literaturen Englands, Amerikas und Australiens.“ Während Nicholas Boyle in seiner "Kleinen deutschen Literaturgeschichte" der österreichischen und schweizerischen Literatur nur ein gemeinsames Kapitel widmet, befasst er sich mit der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Literatur in Deutschland sehr ausführlich. Zunächst aber gilt es, eine Abgrenzung zu treffen. Denn die Anfänge einer neuzeitlichen deutschen Literatur datiert der Autor im frühen 16. Jahrhundert, als das heute deutsche Territorium in Kleinstaaten zersplittert war. Gedruckte Bücher waren eine vorwiegend akademische Angelegenheit und auf Latein geschrieben. Verbreitung in der unterdrückten Bevölkerung fand lediglich belangloses oder religiös motiviertes Schriftgut. Von Grimmelshausen schrieb den ersten BestsellerDen Universitäten und den Staatsbeamten verdankt das „Deutschland“ des 18. Jahrhunderts den literarischen Reichtum. Als Bestseller kann „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“ von Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen gelten, der sich noch 100 Jahre lang besser als jedes andere bedeutende Buch verkaufte. Die kulturelle Selbstdarstellung des Bürgertums nahm im 18. Jahrhundert ihren Anfang, langsam entwickelten sich nebeneinander die verschiedenen Ausdrucksformen Drama, Roman und Lyrik. Der Ostpreuße Johann Gottfried Herder, der bei Kant in Königsberg studiert hatte, formulierte laut Boyle als Erster, „dass Deutschland nicht in den Besitz einer Nationalliteratur ... gelangen konnte, indem es lediglich englische oder französische Vorbilder nachahmte: Deutschland musste seine eigenen Ressourcen, seine mittelalterliche Vergangenheit, sein Volkstheater, seine Volkslieder ausfindig machen und sie nutzen.“ Und Herder „entdeckte“ Goethe als denjenigen, der diese Aufgabe bewältigen konnte. Von Goethe bis FreytagScharf schlussfolgernd beschreibt der Autor im Weiteren die notgedrungene Zusammenarbeit Goethes mit Schiller, die Geburt des Nationalismus und die Welle der Begeisterung für die deutsche Vergangenheit, die das intellektuelle Deutschland erfasste. Sie findet sich unter anderem in dem Erfolg von „Des Knaben Wunderhorn“ wieder. Dem folgt auf der Zeitachse der Materialismus eines Georg Büchners und als auflagenstärkster Roman des 19. Jahrhunderts Gustav Freytags „Soll und Haben“. „Anders als der Roman war das Drama in Deutschland immer noch zu sehr in die fürstliche Vergangenheit verwickelt“, schreibt Nicholas Boyle und bezieht sich dabei auf unüberwindliche Klassengegensätze und Ehrenkodexe zum Beispiel bei Theodor Fontane und Gerhard Hauptmann. Im Exil überlebtAuch eine „kleine“ Literaturgeschichte kommt natürlich nicht ohne Thomas Mann und Bertolt Brecht aus, wenngleich die Hauptwerke dieser beiden großen Deutschen im Exil entstehen mussten. Aber nicht zuletzt dadurch hat die deutsche Literatur die Ächtungen durch das Dritte Reich überlebt. Das nächste Kapitel könnte mit „Bewältigungsliteratur“ überschrieben sein. Diese Aufgabe lag in der Bundesrepublik in den Händen einer neuen Schriftstellergeneration. Allen voran verarbeiteten die Nobelpreisträger Böll und Grass das Gewesene und hielten gleichzeitig den deutschen Politikentwicklungen einen Spiegel vor. Unterschiedliche Entwickungen in BRD und DDRAngesichts des wachsenden deutschen Literaturreichtums kommt dem Chronisten Boyle die Aufgabe zu, aus der schriftstellerischen und philosophischen Fülle seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert das Wertvollste zu schöpfen. Der wohl daraus resultierende Mut zur Lücke mag nicht unbedingt zur Zufriedenheit des Lesers gelungen sein. Was ließe sich zum Beispiel abgesehen von Heiner Müller und Christa Wolf noch alles über die Literaturszene in der DDR schreiben? Gerade die jüngere Vergangenheit betreffend richtet der Autor sein Augenmerk auf Dramatiker. Romanautoren oder Lyriker wie Erich Kästner, Stefan Zweig, Kurt Tucholsky oder Heinz Kahlau fehlen. Dabei sollte man aber nicht außer Acht lassen, dass gerade die Außenansicht eines Briten hilfreich sein kann für die Beurteilung von Relevanzen im Literaturbetrieb. Boyle beendet seine literaturgeschichtlichen Betrachtungen 1989. So bleibt die wiedervereinigte Entwicklung noch ausgespart. Darf man gespannt sein auf eine Ergänzung und Bewertung der jungen deutschen Literaturschaffenden des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts in 20 Jahren? Nicholas Boyle: Kleine deutsche Literaturgeschichte. C.H. Beck 2009. Gebunden, 272 Seiten. Euro 17,90.
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